21.08.2017

Banda Internationale: Geräuschvoll gegen den sächsischen Hass

Banda Internationale, The Power of the Arts 2017, © Robert Rieger

Das Dresdner Elbufer an einem Montag im August. Es ist früher Abend, auf der südlichen Uferseite liegen die Frauenkirche und die Kunsthochschule in der tief stehenden Sonne. Gegenüber, nördlich der Elbe, steht eine große Freilichtbühne direkt am Wasser. Dafür, dass hier später eine Band auftreten soll, herrscht überraschend wenig Hektik. Die Stimmung: angespannte Vorfreude.

Zwei Tage zuvor trat hier Schlagersänger Roland Kaiser auf. Der Zeitplan für sein Konzert hängt noch an den Kühlschränken im Backstage-Bereich. Zwischen ihm und der Banda Internationale, die an diesem Abend auf der Bühne an der Elbe spielen wird, liegen nicht nur musikalisch Welten.

Die Banda Internationale ist ein Zusammenschluss von Musikern mit und ohne Fluchthintergrund. Was sie vereint ist der Wunsch, an den bestehenden Verhältnisse in Sachsen und insbesondere in Dresden etwas zu ändern: Vorurteile sollen ab- und dafür die vielbesungenen Brücken zwischen Kulturen, Religionen und Ethnien aufgebaut werden. Integration soll gelingen und ein offeneres Sachsen entstehen – und all das alleine durch Musik.

  • Akram Younus Ramadhan Al-Siraj, © Robert Rieger

„Eigentlich geil.“

Während dem Soundcheck am Elbufer erklingt eine Mischform aus Jazz, Funk und für das westliche Ohr unbekannten Melodien und Harmonien. Fragt man Akram Younus Ramadhan Al-Siraj, der vor zwei Jahren aus dem Irak nach Dresden kam und der einzige Cellist der ansonsten recht blasinstrument-lastigen Band ist, wie er ihren musikalischen Stil beschreiben würde, grinst er breit und meint: „Eigentlich geil.“ Später wird er etwas konkreter. „Wir vereinen verschiedene Musikrichtungen wie Jazz mit Musik vom Balkan und traditionellen Stücken aus unseren Heimatländern. Wir versuchen immer, diese wunderschönen Melodien noch schöner zu machen.“ Während Al-Siraj im heißen und stickigen Backstage-Bereich sitzt, spricht er von Musik, die direkt von seinem Herzen komme, seiner Geschichte, die er mit der Musik erzählen könne, der Band, die wie eine Familie für ihn sei. Es sind große Worte. Dem fast provokant gut gelaunten Cellisten nimmt man sie ab.

  • Michal Tomaszewski, © Robert Rieger

„Pegida hat vieles auf den Kopf gestellt.“

Würde man unbedingt einen Frontmann in der Banda Internationale ausmachen wollen, die Wahl fiele wohl auf Michal Tomaszewski. Der gebürtige Pole floh 1989 mit seinen Eltern nach Niedersachsen und arbeitet heute als Architekt in Dresden. Er ist davon überzeugt, „dass man auch mit einer Blaskapelle in Dresden etwas bewegen“ könne, sagt er, während er am Geländer am Rand der Bühne an der Elbe steht. Tomaszewski, der Klarinette spielt und ohne Unterlass selbstgedrehte Zigaretten raucht, scheut die Konfrontation mit den Gegnern nicht, die sich die Band ausgesucht hat, im Gegenteil: Auftritte bei Demonstrationen gegen Pegida und in der deutschlandweit bekannten Fremdenfeinlichkeitshochburg Freital sind ihm ein großes Anliegen. „Pegida hat vieles auf den Kopf gestellt. Wir waren schon davor eine politische Band, beziehen aber seitdem noch klarer Stellung.“

  • © Robert Rieger
  • © Robert Rieger
  • © Robert Rieger
  • © Robert Rieger

Mit dem Aufkommen der wöchentlichen Wutbürger-Umzüge durch Dresden begann sie mit großen Kulturinstitutionen in Dresden wie dem Staatsschauspiel, der Kunsthochschule und Museen gegen Fremdenfeindlichkeit und Integrationsgegner anzuarbeiten. Das Engagement der Band äußert sich heute nicht nur in zahlreichen Auftritten bei Demonstrationen, in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen, sondern auch in den Besuchen von Schulen.

„Ein großer Missstand in Sachsen ist, dass auch unter Schülern große Fremdenfeindlichkeit herrscht. Das hat auch damit zu tun, dass es hier keine Migrationsgeschichte ähnlich der in Westdeutschland gibt“, so Michal Tomaszewski. Die Musiker der Band fahren deshalb an die Schulen, erzählen den Schülerinnen und Schülern von ihrer Flucht und geben Konzerte. Thabet Azzawi kommt aus Syrien, spielt Oud, ein Saiteninstrument mit langer Geschichte und Ursprung in Persien und sagt: „Wir waren mal an einer Schule, an der die Kinder in ihrem Leben noch nie einen Ausländer gesehen hatten.“ Oftmals beeindrucken die Musiker schon durch ihre bloße Anwesenheit.

 

  • © Robert Rieger

Eine Stadt im Wandel

Dass sich Dresden in den letzten zwei Jahren gewandelt hat, darüber sind sich in der Band alle einig. „Ich habe gemerkt, dass Pegida kleiner geworden ist. Heute sieht man in Dresden viele Menschen aus anderen Ländern, fast so wie in einigen Städten in Westdeutschland. Dresden ist eine offenere Stadt geworden“, meint Thabet Azzawi. Weil in der Band sowohl Deutsche als auch Migranten spielen, sei es für ihn nur logisch, dass sie in den Medien immer wieder als Beispiel für gelungene Migration angeführt wird.

 

  • © Robert Rieger
  • © Robert Rieger

Es sind letztlich weniger die unzähligen Medienberichte sondern vielmehr das Gefühl, langfristig etwas verändern zu können, was die Band zusammenhält und motiviert. Auftritte vor Schülerinnen und Schülern in kleinen Schulen auf dem Land sind ihnen wichtiger als ein prestigeträchtiges Konzert in der Staatskanzlei.

Auf der riesigen Bühne an der Elbe steht die Band an diesem Abend trotzdem gerne. Denn, die Pegida-Demonstranten, die zur gleichen Zeit wenige Kilometer entfernt durch Dresden ziehen, hört hier niemand. Die Banda Internationale übertönt sie problemlos.