11.11.2019

Reportage über Hajusom e.V. Das Zentrum für transnationale Künste verbindet künstlerische Qualität, politischen Aktivismus und soziales Engagement.

© David Frank

1999: In einem abgerockten Hamburger Kneipenkeller stehen Hatice, Jusef und Omied das erste Mal Dorothea Reinecke und Ella Huck gegenüber, um an einem interkulturellen Theaterworkshop der beiden Performance-Künstlerinnen teilzunehmen. Für alle Beteiligten ist es ein besonderer Moment, aber sie ahnen noch nicht, dass aus dieser Begegnung wenige Zeit später ein Verein für transnationale Künste wird – Hajusom. Benannt nach Hatice, Jusef und Omied.

Eine unglaubliche Power

20 Jahre später: Hatice wurde inzwischen abgeschoben, Jusef ist weiter nach Belgien geflohen, Omied lebt noch immer in Hamburg. Und aus dem dreimonatigen Pilotprojekt von damals ist ein anerkannter Ort für transnationale Performance-Kunst geworden. „In der Gruppe hat sich von Anfang an eine unglaubliche Power und Dynamik entwickelt“, sagt Ella Huck, „es lag ein gewaltiger Spirit in der Luft und wir konnten und wollten das Projekt auf keinen Fall nach drei Monaten beenden.“

Heute müssen sie sich nicht mehr in abgerockten Kneipenkellern treffen. Der Verein hat zwischen den dicken Mauern eines ehemaligen Bunkers auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg einen Ort der Ruhe und Sicherheit gefunden. Bei Hajusom wird getanzt, musiziert, performt, gemeinsam gegessen, gearbeitet, geholfen, gelacht und geweint. „Für viele der Jugendlichen ist Hajusom bereits mehr als ein Ort, an dem sie Kunst machen, es ist zu ihrem zweiten Zuhause geworden“, so Ella Huck.

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Kritisch, ironisch

Hajusom besteht aus einem festen professionellen Ensemble und drei Nachwuchsgruppen. Eine davon ist die Performancegruppe „M.Power“ unter der Leitung von Farzad Fadhai (31). Farzad Fadai kam 1996 nach Hamburg, kurz danach zu Hajusom. „Ich glaube, mein Weg wäre anders verlaufen, wenn ich nicht diese Anlaufstelle gehabt hätte“, erzählt er.  Heute studiert Farzad Fadai Soziale Arbeit und kümmert sich als Betreuer um die Gruppe „M.Power“. In ihrer neuesten Performance „M.Power erklärt Deutschland“ nimmt die Gruppe kritisch-ironisch Stellung zu den Themen Migration, Rassismus und Inklusion.

Für dieses Video-Performance-Projekt haben sich die Künstler*innen von Hajusom mit barner 16 zusammengetan. Barner 16 ist ein inklusives und interdisziplinäres Netzwerk von rund 100 festen und freien Kulturschaffenden mit und ohne Behinderung. „Zusammen mit dem Video-Bereich von barner 16 werden wir ein Video im Serienformat entwickeln“, erklärt Farzad Fadai. „Sie werden uns zeigen, wie man mit der Kamera umgeht, Filme schneidet und mit Musik unterlegt.“ Am Ende des Projekts wird die Serie auf einem extra eingerichteten YouTube-Channel von Hajusom und barner 16 zu sehen sein. Inhaltlich bearbeitet „M.Power“ verschiedenste Themenbereiche: Rassismuserfahrung, Krieg, Frieden, aber auch Schule, Ausbildung und Weihnachten. Fragen haben die jungen Geflüchteten viele:

Omid: „Frau Merkel hat gesagt „Wir schaffen das“ als die Flüchtlinge nach Europa kamen. Warum hat sie nicht gesagt, wie wir es schaffen?“

Roja: „Warum denkt ihr, dass ihr etwas Besseres seid?“

Jennifer: „Why do people have to buy a ticket before they enter a bus? “  

Basar: „Warum müssen Ausländer in der Ausländerbehörde mehr als sieben Stunden warten, um einen neuen Aufenthalt zu bekommen?“

Kunst als Empowerment

Kunst wird bei Hajusom als Empowerment begriffen. „Wir versuchen mit künstlerischen Mitteln Kompetenzen zu entwickeln, Vorurteile abzubauen und jedem einzelnen eine Stimme zu geben“ sagt Ella Huck, „denn wir haben das Gefühl, ihre Stimmen werden zu selten gehört. Und wir hoffen, dass wir mit unserer Arbeit Impulse für ein gesellschaftliches Miteinander setzen. Wir hoffen, dass unsere jungen Teilnehmer den Spirit von hier hinaus in die Welt tragen.“

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