09.08.2017

*foundationClass: Mehr als Grundlagen

*foundationClass, The Power of the Arts 2017, © Robert Rieger

„Diese Institution ist ein gigantischer Möglichkeitsraum.“ Ulf Aminde, Künstler und Professor, sitzt im Garten der Kunsthochschule Weissensee im hohen Norden von Berlin. Zwischen den einzelnen Gebäuden eilen Studierende umher, immer wieder hört man eine Kreissäge aufheulen, und im Minutentakt fahren Transporter auf den Hof und laden Materialien ab. In zwei Tagen findet hier der Rundgang statt, die jährliche Schau, bei der alle Künstlerinnen und Künstler der Hochschule ihre Arbeiten ausstellen. Jetzt, kurz davor, herrscht eine für den Campus seltene Betriebsamkeit.

Aminde wünscht sich mehr von dieser Betriebsamkeit, wenn möglich das ganze Jahr über. Und er hat ein Projekt ins Leben gerufen, das langfristig dazu beitragen kann, Kunsthochschulen zu noch spannungsreicheren Orten zu machen, als sie es ohnehin schon sind: Die *foundationClass bietet Geflüchteten, die entweder bereits in ihrer Heimat künstlerisch aktiv waren oder es jetzt in Deutschland werden wollen, die Möglichkeit, sich auf die Bewerbung an einer Kunsthochschule vorzubereiten.

  • © Robert Rieger

„Wir müssen auf künstlerische Qualität setzen.“

Ein Team aus Künstlerinnen und Künstlern, teils mit eigener Fluchterfahrung, unterstützt die 20 Teilnehmenden dabei, künstlerische Positionen zu beziehen, eine Haltung zu entwickeln und Formate und Arbeitsweisen zu finden, die den eigenen Fähigkeiten und Talenten entsprechen. Die Bewerbungsmappen, die dabei am Ende entstehen, sollen nicht nur eine klare Handschrift tragen, sondern auch qualitativ überzeugen. Ulf Aminde, der als Professor in Weissensee selbst in den Aufnahmeprozess von Kunststudierenden involviert ist, weiß außerdem: „Die Auswahl der Bewerber ist irrational. Deshalb müssen wir auf künstlerische Qualität setzen.“

Das scheint erstaunlich gut zu funktionieren. Fast alle fanden im letzten Jahr einen Studienplatz, viele davon in Berlin, aber auch an den Kunsthochschulen in Düsseldorf, Leipzig und Saarbrücken. Dafür muss das Team permanent an individuellen Wegen für die Geflüchteten arbeiten, auch auf bürokratischer Ebene. Aminde spricht in diesem Zusammenhang von einer „kreativen Verwaltung“, die man den zutiefst unkreativen und verworrenen deutschen Formularschlachten entgegenstellt.

  • © Robert Rieger
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Videokunst statt Malerei

Anwar Al Atrash und Fadi Aljabour kommen aus Syrien und sind beide seit über 10 Jahren künstlerisch tätig. Jetzt sind sie Teil der *foundationClass. „Für uns ist es wichtig, nicht als Flüchtlinge wahrgenommen zu werden, sondern als Künstler. Die *foundationClass ist ein Ort, an dem genau das passiert“, so Al Atrash. „Man wird nicht in eine Ecke gedrängt, weder aufgrund seiner Herkunft noch bei der Entscheidung, wie man arbeiten möchte. Wir können uns frei ausprobieren.“

Lag ihr Fokus bisher vor allem auf der Malerei, möchten sich Anwar Al Atrash und Fadi Aljabour in Zukunft verstärkt mit Videokunst auseinandersetzen. Da überrascht es nicht, dass die gesamte Klasse für den Rundgang an der Kunsthochschule eine aufwändige Videoinstallation realisiert, unter der Leitung von Ali Kaaf. Im ersten Stock eines Neubaus wird dafür ein Teil des Raums, den die *foundationClass mittlerweile dauerhaft zur Verfügung gestellt bekommen hat, abgedunkelt.

  • © Robert Rieger

„Die Kunstwelt ist der antisolidarischste Ort, den man sich vorstellen kann.“

Um transdisziplinäre Projekte wie die Videoinstallation für den Rundgang realisieren zu können, lernen die Teilnehmenden in der *foundationClass zunächst verschiedenste künstlerische Grundlagen und Arbeitsweisen von Malerei über Fotografie bis hin zu zeitbasierter Medienkunst. Später entwickeln sie dann ihre ausdifferenzierten Mappen. Während der gesamten Zeit nutzen sie die Strukturen der Hochschule: Werkstätten, Mensa und den eigenen Raum.

„Diese Einrichtung bietet unglaublich viel Struktur, Möglichkeiten und Ressourcen, die wir nutzen können“, sagt Ulf Aminde, der in dieser auf den ersten Blick einseitigen Beziehung aber mehr sieht: „Wir wollen einen Perspektivwechsel an der Hochschule und in der künstlerischen Arbeit initiieren. Die Teilnehmenden sollen das Projekt für sich selbst nutzen, aber wir nutzen das Projekt, um wiederum die Hochschule zu verändern.“

Wie diese Veränderungen konkret aussehen sollen? Auch das steht fest: feministische Positionen und solche, die den kolonialen Kanon hinterfragen, sollen verstärkt Platz finden. „Die Kunstwelt ist der antisolidarischste Ort, den man sich vorstellen kann“, so Aminde, der eine Öffnung in Richtung dieser Positionen nicht mit einer Verweichlichung verwechselt sehen möchte: „Es geht nicht darum, Kategorien aufzuweichen und menschlicher zu werden, sondern andere Erzählungen zuzulassen.“

Miriam Schickler, die in der *foundationClass unter anderem für die Koordination zuständig ist, beschäftigt sich intensiv mit feministischen und postkolonialen Fragestellungen. Sie sagt: „Wir bieten nicht nur einen Zugang zur Hochschule, sondern hinterfragen auch das System: wer studiert hier? Was wird studiert und wer unterrichtet? Wir arbeiten auf all diesen Ebenen an einer zeitgemäßen Idee, die bisher kaum präsenten Positionen mehr Raum bietet.“

  • © Robert Rieger
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Familie auf Zeit

Bevor sich die aktuellen Teilnehmenden mit ihren Mappen an Kunsthochschulen im gesamten Bundesgebiet bewerben, arbeitet die Klasse im Herbst mit dem Maxim Gorki Theater in Berlin zusammen. Irgendwann kommt dann aber der Moment, an dem Ulf Aminde und sein Team die Künstlerinnen und Künstler, mit denen sie ein Jahr im Austausch standen, ziehen lassen müssen. „Ich wünsche mir mehr Zeit. Mein Traum wäre, fünf Jahre lang mit denselben Teilnehmenden zusammenarbeiten zu können“, sagt Aminde, und klingt dabei fast ein wenig wehmütig. Die Klasse sei nicht nur für ihn, sondern auch und vor allem für die Teilnehmenden wie eine Familie: das Team arbeitet jeden Tag mit den Teilnehmenden gemeinsam in dem kleinen Raum in der Kunsthochschule, man isst gemeinsam, schreibt sich nachts auf Facebook.

Dass nach einem Jahr neue, junge und ambitionierte Künstlerinnen und Künstler die nächste Generation formen, ist aber nicht nur Teil des Konzepts, sondern auch ein Beweis dafür, dass das System funktioniert. 95% aller Teilnehmenden des ersten Jahres studieren heute an einer Kunsthochschule. Die *foundation Class besuchen sie trotzdem noch regelmäßig. Aminde sagt: „Manchmal haben wir fast zu viel Besuch.“

Text: David Jenal