12.11.2018

Migrantpolitan: Ein Ort, der die gesellschaftlichen Zuordnungen in „Refugees“ und „Locals“ hinter sich lässt

Auf dem Gelände der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, einer ehemaligen Maschinenfabrik im Stadtteil Winterhude, versteckt sich hinter Bäumen und Blättern ein provisorisch erscheinender, grauer Flachbau. Ein Schriftzug aus goldenen Folienballons prangt über dem Eingang: MIGRANTPOLITAN. Innen komplett mit hellem Holz verkleidet, begegnet einem ein Sammelsurium gebrauchter Möbel, mehrere Ledersofas und Sessel bieten Platz zum Sitzen, der Raum ist in rotes Licht getaucht, das aus den vielen bunten Deckenleuchten strahlt.

Der kleine verborgene Ort nannte sich ursprünglich EcoFavela und war ein von der Hamburger KünstlerInnengruppe Baltic Raw initiierter Nachbau der Roten Flora, der später Mitgliedern der Lampedusa-Gruppe (Geflüchtete aus diversen afrikanischen Ländern) als temporärer Aktionsraum diente. 2015 wurde aus der EcoFavela das Migrantpolitan – ein Ort für, von und mit Geflüchteten und für aktuelle Diskurse um Integration und Emanzipation. Das Migrantpolitan sieht sich als Labor, das „die gesellschaftlichen Zuordnungen in „Refugees“ und „Locals“ hinter sich lässt und dessen Akteure gemeinsam künstlerische Projekte umsetzen.“ Im Migrantpolitan kommen unterschiedliche Menschen, beispielsweise Mitglieder des Refugee Radio Networks und Hamburger KünstlerInnen, DramaturgInnen und AktivistInnen zusammen, um durch gemeinsame Aktionen Communities aufzubauen. Veranstaltet werden Ausstellungen, Diskussionen, Konzerte, Performances, Theaterstücke und Workshops – durch die räumliche Nähe zu Kampnagel wird ein breites und diverses Publikum erreicht und die Akteure haben die Möglichkeit, sich mit den internationalen Kampnagel-GastkünstlerInnen zu vernetzen. Für viele KünstlerInnen mit Fluchtbiografie ist dies der Einstieg in die professionelle Kreativbranche.

„Die Darstellung von Geflüchteten im Fernsehen hat nichts mit der Realität zu tun.“

Nadine Jessen ist Dramaturgin auf Kampnagel und eine der Gründerinnen von Migrantpolitan. Gemeinsam mit der Community, zu der auch Refugee Radio Network Gründer Larry Moore Macaulay, Kurator Anas Aboura und Videokünstlerin Judith Rau gehören, hat sie die Reality-TV-Serie „Hello Deutschland – Die Einwanderer“ produziert. In Anlehnung an die Doku-Soap „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ des Fernsehsenders VOX, begleitet die Serie unterschiedliche Persönlichkeiten bei ihren Versuchen in der neuen Heimat anzukommen. Sprachprobleme, bürokratische Hürden und kulturelle Missverständnisse prägen den Alltag. „Die Darstellung von Geflüchteten im Fernsehen hat nichts mit der Realität zu tun. Aus diesem Defizit heraus ist „Hello Deutschland“ entstanden“, erklärt Nadine Jessen. „In vielen Ländern, in denen in den Zeitungen keine kritische Berichterstattung stattfindet, verlagern sich die kritischen Themen in das seichte Format einer Soap. Themen wie Korruption kann man dort in kritischen Zwischentönen heraushören, da gibt es mittlerweile eine regelrechte Sehgewohnheit bei den Zuschauern.“

„Es ist uns wichtig, dass keiner vorgeführt wird. Die Leute bekommen die Möglichkeit, eine Rolle zu spielen, statt sich selbst.“

Das neue Projekt „Ramadram“ ist eine Erweiterung von „Hello Deutschland“ und verweist auf den muslimischen Fastenmonat und die TV-Drama-Produktionen in Syrien, die in großem Maße speziell für diesen Monat produziert werden. „Ramadram“ soll, zwischen Performance, Dokumentartheater und New Virtual Reality angesiedelt, ein gleichsam avantgardistisches wie unterhaltsames Format sein. „Durch die Arbeit an „Hello Deutschland“ hat sich viel an unserem Blick verändert. In so vielen Situation steckt Potential und Drama. Wir schauen uns genau an, was im Fernsehen nicht gezeigt wird, wo nicht in die Tiefe gegangen wird“, sagt Kamerafrau Judith Rau. Im Vergleich zu „Hello Deutschland“, wo die Akteure ihre eigene Geschichte erzählt haben, soll „Ramadram“ weniger dokumentarisch sein. „Es ist uns wichtig, dass keiner vorgeführt wird. Die Leute bekommen die Möglichkeit, eine Rolle zu spielen, statt sich selbst.“ Echte Geschichten, aber nicht von denen gespielt, die sie wirklich betreffen. Migrantpolitan wird die Unterstützung durch den The Power of the Arts Award nutzen, um „Ramadram“ im nächsten Jahr zu produzieren.

„Es ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und bestärkt uns darin, auf diesem Weg zu bleiben.“

Mit seinem Programm stößt Migrantpolitan auch auf Ablehnung. Einen Hinweis darauf kann man an der Eingangstür entdecken: Hier wurde mithilfe einer Schablone ein arabischer Schriftzug gesprüht, der besagt „Geht zurück in euer Land“. Kein Grund sich unterkriegen zu lassen. „Wir machen, was wir wollen, egal, ob es anderen gefällt oder nicht“, erwidert Kurator Anas Aboura. „Angriffe dieser Art bewegen uns zum Weitermachen. Es ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und bestärkt uns darin, auf diesem Weg zu bleiben.“