26.11.2019

Reportage über "DieTanzKompanie" im Kulturzentrum Dieselstrasse. Profitänzer*innen mit und ohne Handicap schreiben den Tanzbegriff neu.

© Antony Sojka

Menschen lieben Erzählungen – sie helfen, die Welt um uns herum zu verstehen. Ballette erzählen Geschichten auf eine andere Art. Als wortlose Kommunikation, die keine Informationen, sondern innere Zustände und menschliche Beziehungen vermittelt, ermöglicht Tanz die lebendige Gestaltung von Emotionen.“
Zitat: John Neumeier, Chef des Hamburger Balletts – Editorial Spielzeit 2019/20

und wenn sie tanzt, ist sie woanders…

Es ist dunkel in dem 230 Zuschauer fassenden Theatersaal des Kulturzentrums Dieselstraße in Esslingen. Nur die Bühne ist in warmes Scheinwerferlicht getaucht, aus den Lautsprechern erklingt Musik von Daniel Mille „Après la pluie“. Leichtfüßig schwebt Laura in einem champagnerfarbenen Ballettkleid über die Bühne, ihr graziler Körper bewegt sich nach den Klängen der Musik. Ihr Blick sucht den Kontakt zu Johannes, ihrem Tanzpartner. Beinahe zärtlich begegnet er ihren Augen, ihrer Mimik, ihrem Körperspiel. Peu à peu beginnt er ihre Bewegungen zu spiegeln und das Paar entschwindet in einen Dialog des Tanzes. Laura und Johannes brauchen keine Worte, die Bewegung ist ihre Sprache. Beide sind Tanzprofis – mit einem Unterschied, Laura hat die genetische Besonderheit Trisomie 21.

  • © Antony Sojka

Gegründet hat „DieTanzKompanie“ der französische Choreograf und Filmemacher Gregory Darcy. In einer einzigartigen Verbindung von Tanz und Handicap versucht Darcy mit seinen professionellen Performances den Tanzbegriff neu zu definieren und ins Bewusstsein der Zuschauer*innen zu bringen. „Ich mag die Unterteilung mit und ohne Handicap nicht,“ sagt Darcy. „Wir sind ein Ensemble von Profis mit unterschiedlichen Fähigkeiten.“

Bereits in seinen vorherigen Tanzprojekten hat sich Darcy Randgruppen mit „Fluchthintergrund oder „Handicap“ genähert. Dabei geht es ihm nicht so sehr um die Tatsache „mit“ oder „ohne“, sondern eher um die kritische Beschäftigung mit Begriffen wie Schönheit, Perfektion oder Integration.

  • © Angela Ehrlich

Schönheit wird auch bei Darcys neuester Performance mit „DerTanzKompanie“ ein wichtiger Aspekt sein: Schon sein Vorbereitungsprojekt „Tanz mit der Schönheit“ war für Darcy ein Versuch, die Auseinandersetzung mit herkömmlichen Definitionen von Schönheit anzuregen. Und fast noch wichtiger sind ihm die Beziehungen zwischen Menschen, deren Authentizität und Intuition.

Sein neues abendfüllendes Projekt wird aus mehreren Einzelstücken, mal Solo, mal Duo oder dem Tanz in der Gruppe bestehen.

Besonders dabei ist die Live-Musik, die die Tänzer zum größten Teil interaktiv auf der Bühne begleitet. Dafür hat Darcy Hans Fickelscher, einen der versiertesten und vielseitigsten Jazz-Percussionisten Süddeutschlands, sowie die Shakuhachi Meisterin Nina H. und den syrischen Sänger und Gitarristen Mazen Mohsen gewinnen können. Sie werden neue Stücke komponieren und vorhandene interpretieren.

  • © Jo Garbowski
  • © Jo Garbowski
  • © Antony Sojka

Das Ensemble der „DieTanzKompanie“ besteht aus fünf bis sechs Tänzer*innen mit und ohne Handicap, drei Musiker*innen, sowie geladenen Künstler*innen. „Wir kommen aus vielen unterschiedlichen Kulturen zusammen“, erklärt Darcy, „und haben unterschiedliche Religionen und Fähigkeiten. Durch meine Choreographien möchte ich dem Publikum zeigen, dass jeder in unserer Gesellschaft wichtig und interessant ist. Egal aus welchem Land man kommt, welcher Kultur und Religion man angehört oder welche Einschränkungen man hat.“

Um auch Kinder und Jugendliche zu erreichen, werden Workshops und Vorstellungen mit günstigeren Eintrittspreise für Kinder und Schüler angeboten sowie Diskussionen nach den Auftritten zum Thema Handicap und Schule organisiert.

Nicht nur das Ensemble der „DieTanzKompanie“ solle inklusiv sein – auch die Aufführungen wünscht sich Darcy so zugänglich wie möglich. „Wir möchten Publikumsgespräche mit einem Dolmetscher für Gebärdensprache führen, synchronisierte Auftritte mit Kopfhörern für Blinde anbieten, sowie Workshops für Schüler zum Thema Handicap einrichten.“

  • © Antony Sojka

Für Gregory Darcy sind seine Performances mehr als die Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Themen, es ist der große Wunsch nach einer Welt, in der Menschen nicht nach schwarz oder weiß, Geflüchtete oder Einheimische, behindert oder nichtbehindert kategorisiert werden. „Ich wünsche mir eine Welt, auf der es nur Menschen gibt.“