22.10.2018

Weiter Schreiben: Plattform für eine gemeinsame Sprache

Annett Gröschner, Widad Nabi © Robert Rieger

Auf den ersten Blick sind die zwei Frauen, die jetzt in einem Café im Herzen Berlins vertraut die Köpfe zusammenstecken, ein ungewöhnliches Duo. Sie stammen aus unterschiedlichen Generationen, Kulturkreisen und Ländern, teilen nicht die gleiche Sprache. Widad Nabi wurde 1985 in Syrien geboren und floh 2014 während des Krieges nach Deutschland. Annett Gröscher ist 20 Jahre älter und kommt ursprünglich aus Magdeburg. Was die beiden jedoch über alle Hindernisse hinweg verbindet, ist ihre Liebe zur Literatur. Beide sind Lyrikerinnen und Autorinnen, die ihre Wahlheimat Berlin über ihre Texte erkunden. Seit einem Jahr treffen sie sich in unregelmäßigen Abständen, um in der Hauptstadt gemeinsam auf Erkundungstouren für ihre Arbeiten zu gehen — um als interkulturelles Tandem des Literaturportals Weiter Schreiben gemeinsam die Welt zu entdecken.

Weiter Schreiben wurde im Mai 2017 von Annika Reich und Ines Kappert als eine der Initiativen von Wir machen das ins Leben gerufen, einem Bündnis von Neuankommenden und Einheimischen, welches 2015 von zunächst 100 Frauen aus Kunst, Wissenschaft und öffentlichem Leben gegründet wurde. Weiter Schreiben hat das Ziel, AutorInnen aus Krisengebieten eine Plattform zu geben — eine essentielle Basis, um überhaupt weiter schreiben zu können. Die künstlerische Leiterin Annika Reich ist selbst Autorin und Aktivistin und weiß, dass man „als Schriftstellerin nicht für die Schublade arbeitet.“ Das Publizieren und Gelesenwerden sei ebenso relevant. Insbesondere Geflüchtete stehen hier oft vor der Problematik, dass ihnen die Medien zur Veröffentlichung fehlen, auch, weil ihnen der eigene Sprachraum weggebrochen ist.

„Ein wichtiges Mittel gegen Rassismus und der Angst vor dem Fremden“

Widad Nabi machte diese Erfahrung nach ihrer Ankunft in Deutschland. In Syrien hatte sie seit ihrem 18. Lebensjahr für zahlreiche arabisch-sprachige Zeitschriften und Zeitungen geschrieben. In Deutschland schob sich der Status der Geflüchteten wie ein Vorhang vor ihr bisheriges Leben. „Anfangs konnte ich weder deutsch verstehen noch hatte ich Kontakte zur Literatur- und Medienwelt. Ich habe mich gedemütigt und isoliert gefühlt“, sagt sie. Mit dem Onlineportal weiterschreiben.jetzt hat das Team um Annika Reich eine neue Heimat für die Texte von Nabi und anderen AutorInnen mit ähnlichem Schicksal geschaffen. Das zweisprachige Portal für Literatur und auch Musik aus Krisengebieten arbeitet mit ÜbersetzerInnen zusammen, welche die Beiträge vom Arabischen ins Deutsche bringen, um ihnen eine neue Leserschaft zu ermöglichen. Das schafft gleichzeitig Diversität im deutschen Literaturbetrieb — in Nabis Augen „ein wichtiges Mittel gegen Rassismus und die Angst vor dem Fremden.“

Weiter Schreiben geht dabei über das reine Publizieren hinaus. „Uns war von Anfang an wichtig, dass wir unseren AutorInnen den Einstieg in den deutschen Literaturbetrieb auf allen Ebenen erleichtern“, sagt Reich. Das umfasse das Erlernen grundlegender Dinge wie etwa eine Rechnung mit Steuernummer zu stellen oder die Strukturen des Buchmarktes zu durchblicken genauso wie den Austausch mit hiesigen AutorInnen. „Wir haben bereits bei anderen Initiativen die Erfahrung gemacht, dass der direkte Kontakt am hilfreichsten ist“, so Reich. Das Tandem-Prinzip sei für Weiter Schreiben deshalb essentiell. Im Gespräch erhielten die Ankommenden einen konkreten Einblick ins Leben und Arbeiten als SchriftstellerIn in Deutschland genauso wie einen inhaltlichen Dialog.

„Syrische Autoren schreiben oft emotionaler, deutsche rationaler. Erst wenn man beides zusammennimmt, kommt ein vollständiges Bild der Welt zustande.“

Auch für die einheimischen AutorInnen ist der interkulturelle Austausch „horizonterweiternd“, so Gröschner. „Berlin ist mittlerweile eine Arche Noah für Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt“, sagt sie. „Alle hinterlassen ihre Spuren in der Stadt genauso wie in der deutschen Sprache, die durch neues Vokabular bereichert wird.“ Faszinierend finden beide, Nabi und Gröschner, dass sich auch der Schreibstil im Westen und Osten stark unterscheide. „Syrische Autoren schreiben oft emotionaler, deutsche rationaler“, so Nabi, in deren Werk die Worte „Liebe“ und „Gefühl“ oft zu zentralen Begriffen werden, während Gröschners Stil einmal als „Poesie des Faktischen“ umschrieben wurde. Nabi sagt: „Erst wenn man beides zusammennimmt, kommt ein vollständiges Bild der Welt zustande.“

Beim Zusammenstellen der Tandem-TeilnehmerInnen versuchen Reich und ihr Team, zwei Menschen zusammen zu bringen, die inhaltlich und biografisch zusammen passen könnten; viele der hiesigen AutorInnen haben in der Vergangenheit selbst Erfahrungen mit dem Krieg oder dem Leben in einer Diktatur gemacht und bringen insofern ein gewisses Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihren teils traumatisierten PartnerInnen aus Krisengebieten mit. Auch bei Gröschner und Nabi gibt es Parallelen. Gröschner wuchs in der DDR auf, einem Land, in dem sie „früh Probleme mit der Staatssicherheit“ bekam. Eine Erfahrung, die Nabi beim Schreiben für syrische Oppositionszeitungen teilte. Die DDR ist außerdem ein Staat, der heute nicht mehr existiert und mit dessen Verschwinden ein Teil der Autorin verloren gegangen ist — wie auch Nabi den Verlust ihrer syrischen Heimat zu verarbeiten hat.

„Das gegenseitige Lesen war unsere erste gemeinsame Sprache.“

Was passiert mit Erinnerungen, wenn der Ort, in dem sie zu Hause waren, verschwunden ist? Eine zentrale Fragestellung in den Werken beider Autorinnen. Auf ihren Spaziergängen begeben sich die beiden regelmäßig auf Spurensuche nach übergebliebenen Fragmenten des Verschwundenen; letzte Steine, die noch stehen und Gefühle, die in ihnen wohnen genauso wie die Seelen längst vergessener Biografien. Nach jedem Streifzug entstehen Geschichten. Auch Gröschners Texte finden sich auf weiterschreiben.jetzt. „Jedes Tandem gestaltet die Zusammenarbeit individuell“, sagt sie. „Theoretisch müsste ich gar nicht schreiben. Aber mir war es von Anfang an wichtig, auf das, was Widad in ihren Texten verarbeitet, zu reagieren. Als sie noch kaum Deutsch konnte, war das gegenseitige Lesen unserer Texte unser Dialog, unsere erste gemeinsame Sprache.“

Gröschner gehört auch zu den 100 Frauen, die Wir machen das mitgegründet haben. Als die Tandem-Anfrage kam, sagte sie sofort zu — wie alle anderen der 16 angefragten AutorInnen. Für sie ist das Mitmachen bei Weiter Schreiben auch ein politisches Zeichen: „Täglich kommen in Deutschland Menschen an, die unsere Unterstützung brauchen. Da sollten wir nicht bloß tatenlos herumsitzen.“

„Weiter Schreiben präsentiert talentierte KünstlerInnen, die es verdienen, gesehen und gelesen zu werden.“

Um das Portal einem erweiterten Publikum zugänglich zu machen, wird im November Weiter Schreibens erste Anthologie mit gesammelten Texten der AutorInnen veröffentlicht. Zudem soll es das Portal zukünftig auch als gedrucktes Magazin geben. „Die Präsenz im stationären Zeitschriftenhandel bringt eine andere Sichtbarkeit und Geltung“, sagt Projektleiterin Christiane Kühl, selbst freie Autorin, Redakteurin und Theatermacherin. Im Magazin wolle man außerdem auch den AutorInnen selbst Raum schenken. Auf weiterschreiben.jetzt stehen bislang die Texte klar im Fokus. Kühl sagt: „Das ist uns wichtig, immerhin publizieren wir diese Texte unabhängig vom Hintergrund der VerfasserInnen, weil es gute literarische Werke sind.“

Weiter Schreibens Textredakteurin Dima Albitar Kalaji wähle die arabisch-sprachigen AutorInnen deshalb auch in erster Instanz nach der Qualität ihrer Arbeit aus. Und im Magazin, das wie das digitale Portal deutsch und arabisch sein wird, wolle man politische und poetische Themen miteinander verquicken — eben um den Geflüchtetenaspekt nicht in jedem Satz mitdenken zu müssen. Reich sagt: „Weiter Schreiben präsentiert talentierte KünstlerInnen, die es verdienen, gesehen und gelesen zu werden. Mit dieser Botschaft wollen wir so viele Menschen wie möglich erreichen.“