Die interdisziplinäre, mixed-abled Performing Arts Company Un-Label steht für künstlerische Innovation und Vielfalt. Etablierte Konzepte von Körper, Raum und Gesellschaft werden hinterfragt. Durch darstellende Künste sollen Labels, Grenzen und Vorurteile abgebaut werden. Feministische Fragestellungen sind ebenso von Bedeutung wie Migration und Inklusion. Dabei ist Un-Label die Einbindung von geistig und körperlich Behinderten ein großes Anliegen. Durch Symposien, Forschungsprojekte und Summits vernetzt die Performing Arts Company internationale Akteure und Wissenschaftler der inklusiven Kulturlandschaft und fördert Talente in inklusiven Workshop-Reihen und Masterclasses. Dabei spannt sich ihr Netzwerk über ganz Europa.

11. September 2017

Reportage über Un-Label.
Diversität, nächstes Level.

Scheinwerfer tauchen die große Bühne in kühles, bläuliches Licht. In den Publikumsreihen sitzen ein Regisseur und ein Lichttechniker hinter großen Bildschirmen, auf und vor der Bühne finden sich Gehörlose, körperlich und geistig Behinderte, Schwarze, Weiße, Deutsche, Griechen. Dass an diesem Nachmittag keine gewöhnliche Theatergruppe im Pfefferberg Theater in Berlin probt, ist schnell klar.

Die Performancekünstler, Schauspieler und Sänger sind Teil des Kulturprojekts Un-Label, und der Name ist das Ziel: durch darstellende Künste sollen Labels, Grenzen und Vorurteile abgebaut werden, und das nicht nur gegenüber einer speziellen Personengruppe. Feministische Fragestellungen sind ebenso von Bedeutung wie Migration und Inklusion. Die Einbindung von geistig und körperlich Behinderten ist Lisette Reuter, die das Projekt leitet, ein großes Anliegen. „Professionalität wird im Kulturbetrieb in Deutschland oft mit einer abgeschlossenen Ausbildung gleichgesetzt. Dazu haben diese Menschen keinen Zugang. Wir arbeiten trotzdem auf professioneller Ebene mit ihnen.“

Costas Lamproulis, Lisette Reuter © Robert Rieger
Costas Lamproulis, Lisette Reuter © Robert Rieger

Reuter arbeitet eng mit dem Regisseur Costas Lamproulis zusammen. Gemeinsam mit den rund 100 Künstlern, die teils enger, teils weniger eng an Un-Label beteiligt sind, konzipieren sie Perfomances und Workshops, die dann in Deutschland, der Türkei oder Griechenland stattfinden. Das Netzwerk des Projekts spannt sich über ganz Europa.

Die Performance, die Un-Label im Berliner Pfefferberg Theater am Tag nach der Probe im Rahmen einer Gala aufführen wird, ist eine gleichermaßen wilde wie stimmige Mischung aus Gesang, Gebärdensprache und Tanz. Aus unterschiedlichsten Charakteren und Beeinträchtigungen eine funktionierende Gruppe von Künstlern zu machen, das sei die „schwierigste und gleichzeitig schönste Aufgabe“ seiner Arbeit, so Costas Lamproulis. „Unterschiede sind der Kern des gesamten Projekts und geben uns Kraft. Körper, Sprachen, kulturelle und künstlerische Hintergründe, das alles unterscheidet sich bei jedem von uns. Dafür stehen wir.“

© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger

„Wir sind davon überzeugt, dass Diversität Kunst bereichert.“

Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Körpers oder einer geistigen Beeinträchtigung zeit ihres Lebens auf Widerstände und Hindernisse gestoßen sind, zu selbstbewussten Künstlern zu machen, die sich auf der Bühne behaupten, dafür braucht es vor allem Zeit. „Außerdem basiert bei uns viel auf Vertrauen und Freiheiten. Für uns zählt, dass sich jeder künstlerisch weiterentwickeln kann. Dafür muss man viel Raum geben. Bei uns wird nichts von einem Regisseur oder Choreographen vorgegeben, sondern alles in der Gruppe erarbeitet.“

Das Vertrauen ist spürbar, wenn man die Gruppe während der Probe auf der Bühne erlebt. Fehler sind erlaubt, manchmal auch erwünscht. Überhaupt: Andersartigkeit und unterschiedliche Meinungen sind kein Hindernis, sondern wichtige Ressource. Reuter sagt: „Wir sind davon überzeugt, dass Diversität Kunst bereichert. Alle haben unterschiedliche Wahrnehmungen auf Gesellschaft, auf das Leben. Das spiegelt sich in der Arbeit auch wider.“

Trotz aller Freiheiten einer Politik des Laissez-faire: es wird konzentriert geprobt und die Pause geht genau fünf Minuten, daran kann auch der Wunsch von Tänzer Tom Auweiler auf eine Verdopplung der Auszeit nichts ändern. Dass Reuter das Konstrukt Un-Label so gut zusammenzuhalten weiß, liegt vermutlich an ihrer Vergangenheit als Kulturmanagerin.

© Robert Rieger
© Robert Rieger

Sie und Costas Lamproulis, der Filmregie studiert hat und letztlich beim Theater gelandet ist, sind ein eingespieltes Team. Seit mittlerweile neun Jahren arbeiten sie gemeinsam an Projekten, die sich vor allem in ihrer Unterschiedlichkeit gleich sind. „Wir passen in keine Kategorie, das ist unser großes Problem. In Deutschland werden wir von Kunstförderern als sozial abgestempelt, und von Sozialen als Kunst. Wenn du dann noch interkulturell und interdisziplinär arbeitest, weiß niemand mehr, wohin mit dir.“ Un-Label hat sich innerhalb kürzester Zeit erfolgreich selbst von allen bestehenden Labels und Einordungen befreit. Darunter leidet das Projekt nun an mancher Stelle, vor allem dann, wenn es um die Akquise von Fördergeldern geht.

2015 haben Reuter und Lamproulis damit begonnen, gemeinsam mit einer Gruppe von Künstlern Workshops zu konzipieren. 16 dieser Künstler sind heute fester Bestandteil des Projekts, ein Teil von ihnen steht auf der Bühne im Pfefferberg Theater. Seit der Gründung vor rund zwei Jahren ist viel passiert. Un-Label ist zu einer festen Größe in der Welt der inklusiven Performance-Kunst in Europa geworden. Die Botschaft der Initiative verbreitet sich schnell.

© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger

Un-Label hat etwas von einem Schneeballeffekt. Als wir in der Türkei getourt sind, wurden wir von einem grimmigen Busfahrer gefahren, wie man das eben so kennt. Nach ein paar Tagen wurde er total freundlich und meinte er zu unseren türkischen Kollegen: Wenn alle so wärt wie ihr, dann gäbe es keinen Krieg auf der Welt.‘ Die Erscheinung unserer Gruppe hat bei ihm im Kopf etwas umgedreht. Für mich ist der Auftrag auch ein sehr politischer. Jeder, der irgendwie mit uns in Kontakt kommt, bei dem macht es Klick. Wir versuchen, Gesellschaft zu verändern und zu öffnen.“

© Robert Rieger
© Robert Rieger

Marktführer in Sachen Inklusion

Es sind Geschichten wie diese, die das gesamte Team, alle Regisseure, Schauspieler, Tänzer, Sänger und Lichttechniker, dazu motivieren, weiterzumachen. Costas Lamproulis meint: „Es gab viele schwierige Momente, aber ich war nie an einem Punkt, an dem ich gesagt habe: jetzt ist Schluss.“ Für die Menschen mit Behinderung sei es schwieriger. Oft kämen Künstler zu ihm, um ihm mitzuteilen, dass sie vor wenigen Tagen kurz davor waren, zu gehen. Vor allem aber wollen sie sich bedanken für die Kraft, die sie aus dem Projekt schöpfen und wegen der sie letztlich doch dabeibleiben. „Diese Momente sind sehr motivierend für uns“, so Lamproulis.

Lisette Reuter spricht gerne von der „Company“ Un-Label, und so ist es vielleicht recht treffend, das Projekt ganz wirtschaftlich als Marktführer zu bezeichnen in der Nische der inklusiven darstellenden Künste. Projekte, die ebenso interkulturell und inklusiv arbeiten, gibt es. Solche, die beides vereinen, findet man kaum. „Wir sind schon recht einzigartig.“

 

Text: David Jenal

25. April 2018

Interview mit Un-Label

Wir haben unsere Gewinner aus dem letzten Jahr Un-Label interviewt. Sie verraten Euch nicht nur, warum sich eine Bewerbung bei The Power of the Arts lohnt, sondern erzählen auch, welche Wünsche sie sich durch den Preis erfüllen konnten.

Wie geht es für Euch nun weiter? Welche neunen Projekte stehen an?

Durch The Power of the Arts bekamen wir die Möglichkeit die Un-label Performing Arts Company weiter auf- und auszubauen. Folgende Aktivitäten sind aktuell in Arbeit:

Am 01. Februar 2018 ist das neue 28-monatige Un-Label Projekt „ImPArt – Darstellende Kunst in künstlerisch-ästhetischer Weiterentwicklung für eine barrierefreie, teilhabeorientierte Gesellschaft“ gestartet. ImPArt setzt sich mit der direkten Einbindung barrierefreier Darstellungsweisen in den Künsten auseinander. Im Fokus stehen die Möglichkeiten der Teilhabe von und für alle Menschen unter künstlerischen Aspekten. Barrierefreiheit verlangt nach neuen Methoden in der darstellenden Kunst. Denn Menschen mit Behinderung werden durch die parallele Darstellung des Sicht- und Hörbaren oftmals des atmosphärischen und künstlerischen Erlebens beraubt. Barrierefreiheit wird bei ImPArt neu definiert. Sie ist Inspiration zum Experimentieren mit neuen Möglichkeiten und schafft dadurch Innovation in den Künsten.

Ab April 2018 haben wir begonnen regelmäßige Trainingsmöglichkeiten für Künstler*innen aller Sparten mit und ohne Beeinträchtigungen anzubieten. Jeden zweiten Monat gibt es die Möglichkeit, gemeinsam mit renommierten Akteuren der Szene in Form von Masterclasses neue Wege in den darstellenden Künsten zu begehen. In den Profi-Trainings werden die Grenzen der Künste, Körper und Kreativität erforscht, verbunden und neu entwickelt. Die Künstler entwickeln hierbei ihre performativen Begabungen und kulturellen Horizonte weiter und werden bei ihrer Professionalisierung unterstützt.

Anfang Mai fand unser erster Creative Exchange und Artistic Development Summit statt. Eine Auswahl erfahrener nationaler und internationaler Künstler und Experten aus dem Bereich der inklusiven darstellenden Künste wurden nach Deutschland eingeladen. Erfolgreiche barrierefreie Praktiken wurden vorgestellt und ausprobiert. Ziel war es, gemeinsam neue Möglichkeiten zu entwickeln und die gegenseitige Kompetenzerweiterung zu fördern.

Außerdem fand in Kooperation mit dem ibk das internationale Symposium ALL IN – Ästhetik und Methodik inklusiver Kulturarbeit im Rahmen des Sommerblut Festivals in Köln statt.

In Planung ist auch die Ausweitung unserer Produktionen in Form einer vielseitigen, inklusiven Performance auf hohem künstlerischem Niveau, welche in Koproduktion mit dem Pfefferberg Theater in Berlin entwickelt und produziert werden soll.

Außerdem arbeiten wir an der Professionalisierung von unseren PR Materialien und der Kommunikationsstrategie. Aktuell wird an einer neuen barrierearmen, zweisprachigen Webseite programmiert, die die Un-Label Performing Arts Company repräsentiert. Die Webseite wird hoffentlich im Mai online gehen. Des Weiteren arbeiten wir mit Fachleuten an einer Social Media Strategie. Unsere Grafiker arbeiten zurzeit an einer Corporate Identity und Marketingstrategie. Dazu zählt die Erarbeitung einer lmagebroschüre, Postkarten, Flyer, Poster etc.

Welcher andere Teilnehmer hat Euch am meisten beeindruckt?

Alle der Gewinner des The Power of the Arts Preises haben an dem Abend der Verleihung mit ihren Ideen und kreativen Konzepten begeistert. Die Künstler von Un-Label schlossen schnell Kontakt mit Banda Internationale, da die Idee aufkam, vielleicht auch gemeinsam in Dresden zusammen zu arbeiten. Mit den Initiatoren von label m kamen wir, nicht zuletzt auf Grund des ähnlichen Namens, ebenfalls schnell ins Gespräch, tauschten uns aus und ließen uns gerne von der überschwänglichen Begeisterung der jugendlichen Gewinner der Gruppe mitreißen. Der Kontakt und Ideenaustausch mit Banda Internationale und label m regte an und hinterließ Eindruck, da wir ähnliche Synergien hatten und schnell auf eine gemeinsame Wellenlinie kamen.

Welchen Wunsch konntet Ihr Euch durch die Auszeichnung erfüllen? Wie hat sich Euer Projekt dadurch verändert?

Wir wollten unsere erfolgreiche Pionierarbeit die mit dem EU Creative Europe Projekt Un-Label angefangen hat, durch die Gründung der Un-Label Performing Arts Company weiter ausbauen. Mit der Company wollten wir nachhaltige inklusive Aktivitäten als Kulturangebot fest verankern. Denn mit unserem breiten Angebot wollen wir den Bedarfslücken im Kulturbereich entgegenwirken, mit dem Ziel Künstlern und Publikum neue innovative Wege der gleichberechtigten Teilhabe zu ermöglichen, sowie eine Verbesserung und Zugewinn der Fähigkeiten, zur Optimierung von Karriere- und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Künstler zu schaffen.

Erst durch die Auszeichnung von The Power of the Arts wurde das überhaupt möglich und wir konnten die professionelle Weiterentwicklung angehen.

Warum habt Ihr Euch bei The Power of the Arts beworben? Wieso würdet Ihr anderen Initiativen empfehlen, sich zu bewerben?

Wir sind der Meinung, dass Kunst eine ständige Suche nach Identität ist. Indem wir unsere Wahrheiten, unsere Bedürfnisse, unsere Überzeugungen und unsere Wahrnehmungen neu definieren, bestimmen wir kontinuierlich unsere Position und unsere Perspektive für unseren Lebensraum neu. Bei der Gestaltung neuer Formen erkennen wir neue Normen an, um diese dann erneut infrage zu stellen. Kunst möchte von anderen nicht diskriminiert oder ausgegrenzt, sondern einbezogen werden, weil Anderssein ein integraler Bestandteil des kreativen Aktes ist.

In einer Ära, in der unsere Gesellschaft es nicht schafft, all ihre Mitglieder einzubeziehen, ist Interkulturalität und Inklusion in den Künsten keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit.

The Power of the Arts ist deswegen umso mehr eine einmalige Gelegenheit für Kunst- und Kulturakteure, die im interkulturellen / inklusiven Bereich tätig sind sich zu bewerben, denn es gibt leider kaum andere Initiativen die dieses wichtige Thema so professionell unterstützen. Dadurch hat uns das Konzept vom ersten Augenblick an überzeugt.