Banda Internationale ist eine ca. 20-köpfige Band aus Dresden und ein Zusammenschluss von Musikern mit und ohne Fluchthintergrund. Was sie vereint ist der Wunsch, an den bestehenden Verhältnisse in Sachsen und insbesondere in Dresden etwas zu ändern: Vorurteile sollen ab- und dafür die vielbesungenen Brücken zwischen Kulturen, Religionen und Ethnien aufgebaut werden. Sie wollen Heimatmusik, ganz egal wo diese Heimat ist oder war, neu interpretieren, Herzen öffnen, Vorurteile und Ressentiments abbauen und zur Verständigung zwischen neuen und alten Sachsen, Deutschen und Europäern beitragen.
Überregional bekannt wurde die Band durch ihr politisches Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, insbesondere gegen die in Dresden stark vertretene PEGIDA-Bewegung.

21. August 2017

Reportage über Banda Internationale.
Geräuschvoll gegen den sächsischen Hass.

Das Dresdner Elbufer an einem Montag im August. Es ist früher Abend, auf der südlichen Uferseite liegen die Frauenkirche und die Kunsthochschule in der tief stehenden Sonne. Gegenüber, nördlich der Elbe, steht eine große Freilichtbühne direkt am Wasser. Dafür, dass hier später eine Band auftreten soll, herrscht überraschend wenig Hektik. Die Stimmung: angespannte Vorfreude.

Zwei Tage zuvor trat hier Schlagersänger Roland Kaiser auf. Der Zeitplan für sein Konzert hängt noch an den Kühlschränken im Backstage-Bereich. Zwischen ihm und der Banda Internationale, die an diesem Abend auf der Bühne an der Elbe spielen wird, liegen nicht nur musikalisch Welten.

Die Banda Internationale ist ein Zusammenschluss von Musikern mit und ohne Fluchthintergrund. Was sie vereint ist der Wunsch, an den bestehenden Verhältnisse in Sachsen und insbesondere in Dresden etwas zu ändern: Vorurteile sollen ab- und dafür die vielbesungenen Brücken zwischen Kulturen, Religionen und Ethnien aufgebaut werden. Integration soll gelingen und ein offeneres Sachsen entstehen – und all das alleine durch Musik.

Akram Younus Ramadhan Al-Siraj, © Robert Rieger
Akram Younus Ramadhan Al-Siraj, © Robert Rieger

„Eigentlich geil.“

Während dem Soundcheck am Elbufer erklingt eine Mischform aus Jazz, Funk und für das westliche Ohr unbekannten Melodien und Harmonien. Fragt man Akram Younus Ramadhan Al-Siraj, der vor zwei Jahren aus dem Irak nach Dresden kam und der einzige Cellist der ansonsten recht blasinstrument-lastigen Band ist, wie er ihren musikalischen Stil beschreiben würde, grinst er breit und meint: „Eigentlich geil.“ Später wird er etwas konkreter. „Wir vereinen verschiedene Musikrichtungen wie Jazz mit Musik vom Balkan und traditionellen Stücken aus unseren Heimatländern. Wir versuchen immer, diese wunderschönen Melodien noch schöner zu machen.“ Während Al-Siraj im heißen und stickigen Backstage-Bereich sitzt, spricht er von Musik, die direkt von seinem Herzen komme, seiner Geschichte, die er mit der Musik erzählen könne, der Band, die wie eine Familie für ihn sei. Es sind große Worte. Dem fast provokant gut gelaunten Cellisten nimmt man sie ab.

Michal Tomaszewski, © Robert Rieger
Michal Tomaszewski, © Robert Rieger

„Pegida hat vieles auf den Kopf gestellt.“

Würde man unbedingt einen Frontmann in der Banda Internationale ausmachen wollen, die Wahl fiele wohl auf Michal Tomaszewski. Der gebürtige Pole floh 1989 mit seinen Eltern nach Niedersachsen und arbeitet heute als Architekt in Dresden. Er ist davon überzeugt, „dass man auch mit einer Blaskapelle in Dresden etwas bewegen“ könne, sagt er, während er am Geländer am Rand der Bühne an der Elbe steht. Tomaszewski, der Klarinette spielt und ohne Unterlass selbstgedrehte Zigaretten raucht, scheut die Konfrontation mit den Gegnern nicht, die sich die Band ausgesucht hat, im Gegenteil: Auftritte bei Demonstrationen gegen Pegida und in der deutschlandweit bekannten Fremdenfeinlichkeitshochburg Freital sind ihm ein großes Anliegen. „Pegida hat vieles auf den Kopf gestellt. Wir waren schon davor eine politische Band, beziehen aber seitdem noch klarer Stellung.“

© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger

Mit dem Aufkommen der wöchentlichen Wutbürger-Umzüge durch Dresden begann sie mit großen Kulturinstitutionen in Dresden wie dem Staatsschauspiel, der Kunsthochschule und Museen gegen Fremdenfeindlichkeit und Integrationsgegner anzuarbeiten. Das Engagement der Band äußert sich heute nicht nur in zahlreichen Auftritten bei Demonstrationen, in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen, sondern auch in den Besuchen von Schulen.

„Ein großer Missstand in Sachsen ist, dass auch unter Schülern große Fremdenfeindlichkeit herrscht. Das hat auch damit zu tun, dass es hier keine Migrationsgeschichte ähnlich der in Westdeutschland gibt“, so Michal Tomaszewski. Die Musiker der Band fahren deshalb an die Schulen, erzählen den Schüler*innen von ihrer Flucht und geben Konzerte. Thabet Azzawi kommt aus Syrien, spielt Oud, ein Saiteninstrument mit langer Geschichte und Ursprung in Persien und sagt: „Wir waren mal an einer Schule, an der die Kinder in ihrem Leben noch nie einen Ausländer gesehen hatten.“ Oftmals beeindrucken die Musiker schon durch ihre bloße Anwesenheit.

 

© Robert Rieger
© Robert Rieger

Eine Stadt im Wandel

Dass sich Dresden in den letzten zwei Jahren gewandelt hat, darüber sind sich in der Band alle einig. „Ich habe gemerkt, dass Pegida kleiner geworden ist. Heute sieht man in Dresden viele Menschen aus anderen Ländern, fast so wie in einigen Städten in Westdeutschland. Dresden ist eine offenere Stadt geworden“, meint Thabet Azzawi. Weil in der Band sowohl Deutsche als auch Migranten spielen, sei es für ihn nur logisch, dass sie in den Medien immer wieder als Beispiel für gelungene Migration angeführt wird.

 

© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger
© Robert Rieger

Es sind letztlich weniger die unzähligen Medienberichte sondern vielmehr das Gefühl, langfristig etwas verändern zu können, was die Band zusammenhält und motiviert. Auftritte vor Schüler*innen in kleinen Schulen auf dem Land sind ihnen wichtiger als ein prestigeträchtiges Konzert in der Staatskanzlei.

Auf der riesigen Bühne an der Elbe steht die Band an diesem Abend trotzdem gerne. Denn, die Pegida-Demonstranten, die zur gleichen Zeit wenige Kilometer entfernt durch Dresden ziehen, hört hier niemand. Die Banda Internationale übertönt sie problemlos.

07. Mai 2017

Interview mit Banda Internationale.

Unsere Gewinner aus dem letzten Jahr, haben mit uns über ihre Arbeit nach der Auszeichnung und die Pflichten in einer Solidargemeinschaft gesprochen.

Wie geht es für Euch nun weiter? Welche neuen Projekte stehen an?

Für uns geht es nach einem etwas überraschenden, aber letztendlich positiven Trägerwechsel weiter mit unserer Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Neben dem Preisgeld von The Power of the Arts haben wir kürzlich auch eine Förderzusage des Freistaates Sachsen bekommen, sodass wir in den kommenden zwei Jahren über 40 Workshops, ein dutzend Konzerte der Banda Internationale an Schulen und Jugendzentren und wöchentliche Proben mit unserer Band mit unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten sowie Instrumentenunterricht für fast 20 Kinder jede Woche realisieren können.

Übergeordnetes Projektziel ist es nach wie vor, die Integration und gleichberechtigte Teilhabe von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in und am gesellschaftlichen Leben in Sachsen zu verbessern. Es geht uns grundsätzlich darum, Bildung und Teilhabe als positive Kategorien des Zusammenlebens und unserer Gesellschaft zu vermitteln und aktiv im echten Leben erfahrbar zu machen. Segregation und Separation müssen als Prozess kenntlich gemacht werden, der in einer Solidargemeinschaft fehl am Platz ist.

Integration betrachten wir dabei als einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, der sowohl Personen mit Migrationshintergrund als auch die Mehrheitsgesellschaft zu einer aktiven und gemeinsamen Ausgestaltung auffordern muss. Entsprechend ist es ein weiteres Ziel unseres für die nächsten zwei Jahre angelegten Projektes House of Music, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen jungen Menschen in der sächsischen Gesellschaft zu stärken. Hier fließt der Förderpreis des The Power of the Arts vollumfänglich ein.

Welchen Wunsch konntet Ihr Euch durch die Auszeichnung erfüllen? Wie hat sich Euer Projekt dadurch verändert?

Die Auszeichnung durch The Power of the Arts hat uns nicht nur in der Absicht bestärkt, uns im Bereich der interkulturellen und pädagogischen Bildungsarbeit zu engagieren, uns unabhängiger von institutioneller und staatlicher Förderung gemacht, sondern gewiss auch diejenigen, von denen wir Unterstützung erwarten, darin bestärkt, uns weiterhin zu fördern.

Welcher andere Teilnehmer hat Euch am meisten beeindruckt?

Das können wir nicht so einfach beantworten. Wir haben den Abend vor allem mit den Teilnehmer*innen des Projektes label m verbracht, Adressen ausgetauscht und uns eigentlich vorgenommen, uns gegenseitig zu besuchen. Dazu ist es noch nicht gekommen, aber wir sind zuversichtlich, weiterhin in Kontakt zu bleiben. Das Projekt Un-Label hat uns durch die inklusive Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit tief beeindruckt, zumal einige von uns ebenfalls täglichen Umgang mit Inklusion im Beruf haben. Eine künstlerische Nähe zur *foundationClass konnten wir ebenfalls spüren und der Gedanke, zuerst auf die inneren Werte des Menschen zu achten, als auf Herkunft oder gar körperliche Beeinträchtigung verbindet alle nominierten Projekte wohl am besten.

Warum habt Ihr Euch bei The Power of the Arts beworben? Wieso würdet Ihr anderen Initiativen empfehlen, sich zu bewerben?

Wir bewerben uns manchmal um Preise und das aus einem ziemlich simplen Grund:

Die aktuelle Berichterstattung ist leider allzu oft von deprimierenden, negativen Bildern und Hass dominiert. Dies könnte der Neuen Rechte die Chance geben, wieder genügend Oberwasser in Deutschland zu gewinnen, um den bisherigen, grundsätzlichen zivilgesellschaftlichen Konsens ins Wanken zu bringen. Das dürfen wir nicht zulassen und müssen nicht nur widersprechen, sondern eigene Bilder, unsere eigene Überzeugung und unsere eigenen Geschichten auf den Tisch legen. Eine gesellschaftliche Würdigung ist auch ein Zurechtrücken und Abstecken moralischer Eckpfeiler – ohne hier überheblich wirken zu wollen – der Spot auf positive Geschichten von Migration, von positivem Energie geladenen Miteinander kann nur im Sinn aller Demokraten sein. Dahingehend müssen wir leider manche Bilder zurückerobern.