Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor wurde 1978 als Tochter syrischer Einwanderer in Ahlen/NRW geboren. Nach ihrem Magisterstudium an der Universität Münster arbeitete sie dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin und bildete unter anderen islamische ReligionslehrerInnen aus. Sie ist Ideengeberin und Mitherausgeberin der ersten Schulbuchreihe für den islamischen Religionsunterricht Saphir. Zusammen mit Rabeya Müller übersetzte sie erstmals Teile des Korans für Kinder und Erwachsene ins Deutsche. Lamya Kaddor gründete 2010 den Liberal-Islamischen Bund e.V..

Kaddor unterrichtete selbst auch Islamischen Religionsunterricht in Einslaken bis sie sich im September 2016 wegen Morddrohungen nach dem Erscheinen ihres Buchs Die Zerreißprobe vom Schuldienst beurlauben ließ. Sie ist seit Längerem als Autorin und Publizistin tätig (Muslimisch weiblich deutsch, Zum Töten bereit). Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

29. Mai 2018

Interview mit Jurymitglied Lamya Kaddor

Islamwissenschaftlerin und Jurymitglied Lamya Kaddor über ihre Motivation bei The Power of the Arts mitzuwirken und die Notwendigkeit sich gerade in den heutigen Zeiten für den Erhalt einer diversen Gesellschaft einzusetzen.

Was hat Sie dazu bewogen Teil der The Power of the Arts Jury zu werden?

Ich bin davon überzeugt, dass Integration auch in Kunst und Kultur ausgedrückt werden kann, da diese vielfältig und individuell – wie eben Kunst auch – verläuft. Aus diesem Grund habe ich die Einladung, in der Jury mitzuwirken, gern angenommen.

Wie stellen Sie sich eine zukunftsfähige Gesellschaft vor?

Die ideale Zukunftsgesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie demokratische Werte, wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit und Religionsfreiheit (aus-)lebt. Zukunftsfähig sind offene und freie Gesellschaften, die durch Diversität als wichtiges Element ihres Zusammenlebens gekennzeichnet sind.

Warum müssen wir uns als Gesellschaft gerade jetzt für ein neues Wir engagieren?

Wir leben in Zeiten, in denen rechte Kräfte – sowohl gesellschaftlich wie auch politisch – erstarken und eine Homogenität propagieren, die weder real ist noch erstrebenswert sein kann.

The Power oft he Arts setzt sich für die Schaffung eines neuen Wir ein – wie stellen Sie sich dieses „Wir“ vor?

Wir leben in einer offenen, modernen Gesellschaft, die zunehmend divers wird. Gleichzeitig erstarken in dieser von Globalisierung und digitaler Revolution geprägten Gesellschaft Kräfte, die sich gegen diese (Weiter-)Entwicklung stark machen, weil sie sich davon auf unterschiedlichste Weise bedroht fühlen. Aus diesem Grund sollte Diversität ein zentraler Baustein eines „neuen Wirs“ darstellen.

Warum sind die Künste für die Schaffung von Teilhabemöglichkeiten in der Gesellschaft so wichtig?

Der Zugang zur Teilhabe bzw. die Teilhabe selbst über die Künste erfordert zunächst einmal keine Voraussetzungen außer dem künstlerischen Interesse und dem Willen, durch Kunst den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken.